Ein Gastbeitrag von Jean-Paul Kühne M.A.
Das gesellschaftliche Klima heute ist geprägt durch Defizite an kommunikativem Zusammenhalt und Unsicherheit in der persönlichen Orientierung. Daher ist es so wichtig wie überfällig, den Prozess des Gewinnens von Erkenntnissen von Neuem in die Hände des erkennenden Subjekts zu legen: Jeder Mensch kann Erkenntnis und Wahrheit erlangen, so die Erkenntnisphilosophie (Rainer Dyckerhoff, Erkenntnisphilosophie. Ein neuer und verständlicher Zugang zu Wirklichkeit und Wahrheit. München 2021).
Im Einzelnen: Die angeführten Defizite gefährden den kommunikativen Zusammenhang der Gesellschaft durch
- Propagieren „Alternativer Fakten“; man macht sich keine Mühe mehr, Lügen zu kaschieren
- Hass-Attacken einzig in der Absicht, Kontrahenten zum Schweigen zu bringen
- Täglich werden Untergangsszenarien als „unabwendbare“ Erkenntnisse präsentiert
- Die Natur wird zur bloßen Sache degradiert, ihr Subjektcharakter wird negiert (Klimakrise)
Werden die ersten Tatbestände mittlerweile eindeutig als Notstände registriert und diskutiert, gerät der letzte Aspekt eher zögernd ins Bewusstsein. Das liegt daran, dass das Verhältnis des Menschen zur Natur erst in den letzten Jahren als Kommunikationsgeschehen gewertet wird. Die Intention, der Natur, Pflanzen, Tieren eine Stimme zu geben, stimmt mit wesentlichen Aussagen der Erkenntnisphilosophie überein (Rainer Dyckerhoff, Erkenntnisphilosophie. München 2021, 86).
Auch eingedenk der oben genannten aktuellen Bedrohungen ist das Ziel „wirklichkeitsgemäßer Erfahrung und Erkenntnis“ (Dyckerhoff, 142) in der Philosophie keine wirklich neue Vorgabe. Im Gegenteil, es hat bis in unsere Tage eine Reihe von Vorkämpfern und Protagonisten, welche allerdings oft im Schatten einer „Mainstream-Philosophie“ standen und stehen (Dyckerhoff, 63).
Ein weiterer gemeinsamer Nenner realitätsbezogener Ansätze ist das deutliche Abstandnehmen von diskursdominierenden Definitionen und Begrifflichkeiten (Dyckerhoff, 56). Einer der Wegbereiter solcher Ansätze ist Martin Buber (1878–1965), der sich übrigens wiederholt, ähnlich wie auch die Erkenntnisphilosophie auf die Phänomenologie Edmund Husserls bezieht. Bekannt wurde Bubers Aussage:
„Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“
Martin Buber, Werke I. Schriften zur Philosophie, S. 1114 zitiert nach: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Da dieses Gespräch – soweit schriftlich fixiert – bislang überwiegend mit Partnern im akademischen Raum überliefert wurde, war die Durchschlagskraft dieser Einstellung darauf begrenzt.
Martin Bubers Dialogphilosophie orientiert sich an folgenden Kommunikationsformen des DU:
- Das (interpersonale) DU, der persönliche Dialog mit dem DU, dem menschlichen Gegenüber
Das DU im politisch-gesellschaftlichen Diskurs (DU im übertragenen Sinn) - Das DU in spiritueller (transzendenter) Dimension (Martin Buber, Ich und Du eBook 2023)
Ein, die gesamte Lebenswirklichkeit umfassender Dialog (vgl. Dyckerhoff 142) hat – mit einem anderen Wort – eine ökologische Dimension. Ökologie kommt von oikos (griech.): Haus-, Wirtschaftsgemeinschaft und bedeutet im erweiterten Sinn: Welt, Umwelt. Die Natur ist Teil meiner Umwelt. Auch mein Gesprächspartner ist Teil meiner Umwelt. Er ist meine und ich bin seine Umwelt. In der Konsequenz folgt daraus eine aus Kommunikations- und Sozialwissenschaft bestens bekannte Grundregel: Wer sich selbst ausnimmt aus Diagnose und Analyse zerstört den kommunikativen Zusammenhang der „Wahrnehmungs- und Erlebenswelt“ (Carl Rogers zit. na. Dyckerhoff, 116).
Die Dialogphilosophie Martin Bubers ruht sozusagen auf zwei Phänomenen, zwei Schultern, dem Ich und dem Du. Ich und Du attestieren sich gegenseitig „Evidenz“ als auch „Kohärenz“ (Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit). Diese machen den individuellen Erkenntnisprozess nicht überflüssig, Ich und Du gestehen sich im Dialog aber zumindest partiell Wahrheit zu. Dieser Prozess genauer betrachtet: Über „relative“ Begriffe, kristallisieren sich „individuelle“ Begriffe heraus, die ein höheres Mass an Erfahrung und Sich-hineinversetzen-können aufweisen. Erst diese „wirklichkeitsgemäßen“ und „in der Sache“ eindeutigen Begriffe, die nicht mehr an sinnliche Eindrücke gebunden sind, erlauben Wahrheitserfahrungen (vgl. Dyckerhoff, 78 ff.).
Dyckerhoff hält es sogar für möglich, dass solche Annäherungsprozesse von Erkenntnissen an die Wahrheit in einem Ergänzungsverhältnis zur gesellschaftlichen Diskurstheorie der Frankfurter Schule stehen (Dyckerhoff, 126). Auch in meinem Blog mb-today habe ich unter den Überschriften „Anders lernen, ausgelöst durch eine andere Frankfurter Schule“ vom 30.03.2024 sowie „Was in den Moseskorb passt. Buber meets Kluge“ vom 03.02.2024 auf diesen Aspekt einer Übereinstimmung mit Martin Buber hingewiesen. Das Gespräch mit dem DU beginnt allerdings schon viel umfassender und viel früher, nämlich im „vorsprachlichen“ Dialog (vgl. Dyckerhoff, 33).
Wie schon gesagt, Buber hat sich eingemischt, ist selten einer Diskussion, einer Auseinandersetzung ausgewichen. Gespräch bei Buber meint in erster Linie die mündliche Form, auch wenn überwiegend die schriftliche überliefert ist (Martin Buber, Das Wort, das gesprochen wird (Audio) YouTube, 2012).
Vor allem aber: Buber hat standgehalten, buchstäblich bis zum letzten Moment. Auch als ihm die Professur aberkannt wurde und er zwischen ‘33 und ’38 nurmehr das jüdische Lehrhaus betreute. Den Dialog nahm er wenige Jahre nach dem Krieg, so mit Heidegger, wieder auf.
Bubers Obsession für den Dialog lasst ihn vornehmlich situationsbezogen agieren und reagieren. Will man der Breite seiner Themen nur ansatzweise gerecht werden, ergibt sich in der Darstellung eine gewisse Gewichtung zu Gunsten des breit Darstellenden, des Narrativen, genannt seien nur die von Buber gesammelten ‘Chassidischen Legenden‘ (vgl. dazu https://mb-today.de). Buber ließe sich auch ‚Philosoph des Weges‘ nennen. Aus diesem Erzähl- und Darstellungsfluss blitzen dann jeweils spontane Heureka-Erkenntnisse auf.


Als Gefahren für „den kommunikativen Zusammenhang der Gesellschaft“ sehen Sie u. a. Untergangsszenarien, die als „unabwendbare Erkenntnisse“ präsentiert werden, und die Missachtung der Natur als Subjekt, das mit uns Menschen kommuniziert. Als Klimaschützer und Naturschützer habe ich mit beiden Phänomenen zu tun, als Antifaschist und Pazifist zusätzlich mit dem ersten Phänomen, doch alles auf eine recht widersprüchliche Weise. In den eigenen Reihen, in der Klimaschutzbewegung, stoße ich oft auf Untergangsszenarien: Man zeigt einen Planeten, der Fieber hat, in Flammen steht, dessen Inseln und Küstengebiete überflutet werden usw. Alles das wird gerne zusammen mit dem Ruf „Hört auf die Wissenschaft!“ an die Wand gemalt. Als hätte „die Wissenschaft“ als Faktum festgestellt, dass Amsterdam im Jahr 2051 untergehen werde. Das hat sie nicht, denn eine Prognose mag eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, sie ist aber nie ein Faktum. Sie mag Gegenmaßnahmen, also Klimaschutz, zu einem ethischen Gebot machen, aber sie stellt nicht fest, was passieren wird. Schon deshalb nicht, weil Prognosen stets selbst den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen. Insofern stimme ich Ihrer Einschätzung zu, dass Untergangsszenarien die notwendige Debatte, die immer eine ethische ist um die Frage, wie wir handeln sollen, eher behindern als fördern.
Das gilt natürlich erst recht für die Untergangsszenarien, die von Nationalisten und Rassisten erzählt werden: »Deutschland schafft sich ab«, der »Bevölkerungsaustausch«, der »Untergang des Abendlandes«. Diese ignorieren einfach, dass die Kinder und Enkelkinder von Migrantinnen selber keine Migranten mehr sind, dass sie sich auf tausendfache Weise an ihr Heimatland, das ihr Geburtsland ist, anpassen und ein Teil davon werden.
Die Natur als Subjekt der Kommunikation zu sehen wirft Fragen auf. Es gibt eine recht plakative und vordergründige Art, die Natur als Subjekt zu sehen, das ist die Ansicht, die Natur werde sich an den Menschen für die ihr angetane Schmach rächen. Auch diese Ansicht begegnet mir in den eigenen Reihen. Ich halte sie für abwegig, aus zwei Gründen: Sie projiziert niedrige Beweggründe, die es bei manchen Menschen gibt, in die Natur hinein; und sie tut, genau wie die Naturzerstörer, so, als seien Natur und Menschheit zwei getrennte Welten. Wer die Menschen für einen Teil der Natur hält wie ich, für hilfsbereite Affen, die sich morgens die Zähne putzen und Tee trinken, der kann kaum annehmen, dass sich jemand an uns rächen wird. Doch auch diejenigen, die vermeintliche Motive „der Natur“ zu ihren eigenen machen und als Anwälte der Eisbären gegen die Anwälte der Ölkonzerne in den Ring steigen, könnten einem Denkfehler zum Opfer gefallen sein. Sie haben weder die Eisbären noch die Wespenspinnen gefragt, was sie tun sollen. Die Wespenspinnen würden wahrscheinlich antworten: „Es wird wärmer in Mitteleuropa? Das haben wir gemerkt und sind eingewandert. Wo ist das Problem?“
Wie lösen wir das Problem, dass manche Menschen glauben, die Natur gehört zu haben, und andere das bestreiten? Haben die mit den besseren Ohren für die Natur größere Rechte, zusätzliche Stimmrechte bei der Wahl? Wer ist befugt, welche Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten im Diskurs zu vertreten? Welchen Arten geben wir Stimmen und welchen nicht? Sind Tiere mehr wert als Pflanzen? Ist eine Mücke mehr wert als eine Linde? Ich glaube, dass solche Fragen uns nicht weiterführen. Ich glaube, dass wir als Menschen, die Hochwasserkatastrophen vermeiden wollen, nur als solche, als Menschen und Kellerbesitzer, gegen Menschen, die ihren Monster-Pickup fahren wollen, auftreten können.
Zugleich könnte eine solche Bescheidenheit, eine Rücknahme von Allvertretungsansprüchen und ein klares Artikulieren von persönlichen Interessen und Wünschen, im Dialog mit Verbrennungs-Konservativen und Betonköpfen hilfreich sein, weil es die Streitthemen auf den Tisch des Hauses legt.