Verstehendes Miterleben

Begreifen, wie ein Fisch schwimmt

Angenommen, du willst begreifen, wie ein Fisch schwimmt oder wie ein Elektromotor funktioniert oder wie ein Kind einen Buchstaben erlernt. Dann gibt es den Moment,

  • in dem du der Fisch bist: Du spürst die Schwimmblase in dir und fühlst dich schwerelos in deinem Element; du spürst deine Flossen, die Mittel, die du hast, um dich fortzubewegen und deine Kraft; du merkst, was du tun musst, um im Wasser auf- oder abzusteigen, dahin zu kommen wo du willst…
  • in dem du der Motor bist: Du spürst das Feld des Ringmagneten um dich herum wie eine geballte blockierte Kraft, du siehst den aufgewickelten Kupferdraht um dich herum, dann kommt der Strom, du spürst sein Fließen, die Abstoßung, die Anziehung, und es reißt dich herum.
  • in dem du das Kind bist, das die Bögen des B wiedererkennt, das B-Geräusch hört und die Lippen zum B formt.

Der Autor Rainer Dyckerhoff nennt diese beinahe mystischen Momente „verstehendes Miterleben“. Sie spielen eine zentrale Rolle in seiner Erkenntnisphilosophie: als Höhepunkte von Erkenntnisprozessen, wenn wir vielleicht schon lange versucht haben, etwas wirklich zu verstehen — und dann erfolgreich sind.

In der Alltagssprache gibt es für diese Fähigkeit, für diese Qualität von Erfahrung viele verschiedene Formulierungen, z.B.:

  • Wir können Empathie und darüber hinausgehend Einfühlungsvermögen und Mitgefühl mit anderen Lebewesen entwickeln, aber auch mit den anderen Phänomenen in der Welt – dies vielleicht im Zusammenhang mit sog. “Spiegelneuronen“: Manche Wissenschaftler erforschen diese und vermuten in ihnen die neurologische Basis dafür, dass uns Mitgefühl möglich ist.
  • Wir können uns in Andere hineindenken, uns in sie hineinversetzen; wir können ihre Gedanken, Absichten und Motive usw. nachvollziehen und nachempfinden.
  • Im verstehenden Miterleben erschließt sich uns die Erfahrung, wie ein anderes Lebewesen selbst sich fühlt und erlebt in der Welt,
  • Wir können ganz im Flow sein mit einem Phänomen, einem Geschehen, einer Entwicklung.
  • Wir können uns in Resonanz mit Dingen und Geschehnissen befinden und erleben; unsere Beziehung mit ihnen lässt sich dann als Resonanzverhältnis bzw. als Antwortbeziehung erfahren und verstehen (nach Hartmut Rosa: Resonanz)
  • Wir können durch Erfahrung ein Gespür für Zusammenhänge und Funktionen entwickeln, z. B. auch im technischen und sozialen Bereich: gute Ingenieure und Manager haben‘s dann im Urin, d.h. sie haben auf der Basis von viel Erfahrung und Wissen ein tiefes Gefühl dafür, was geht und was nicht geht.

Verstehendes Miterleben und Adäquationstheorie

Verstehendes Miterleben bietet eine konkrete Lösung für die sogenannte Adäquationstheorie der Wahrheit. Damit gemeint ist die berühmte Formel zur Wahrheit von Thomas von Aquin:

Veritas est adaequatio rei et intellectus.
Wahrheit ist die Angleichung von Ding und Verstand.

Die Erfüllung dieser Gleichung stellt sich wie folgt dar:

Das verstehende Miterleben führt zur Wahrheit (veritas), denn es ist jeweils eine konkrete Angleichung (adaequatio) – und es kann sogar eine aequalitas, also eine Gleichwertigkeit erreichen, nämlich zwischen dem Potential unserer Erkenntnisfähigkeit (intellectus) und der zu erkennenden Sache (res).

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